09.02.2018
„Mit Leib und See­le Frei­er Wäh­ler“

„Können’S nicht einfach eine andere Zahl schreiben? 56 vielleicht?“ So ein Zahlendreher kann schließlich schon mal vorkommen. Dem Vorschlag von Dr. Karl Vetter können wir an dieser Stelle nicht entsprechen. Denn tatsächlich feiert der Chamer Landtagsabgeordnete am heutigen Freitag seinen 65. Geburtstag. Er nimmt’s aber dann doch gelassen: „Mei, was wär die Alternative?“ Das habe er früher immer zu seinen Patienten gesagt, wenn die übers Älterwerden geklagt haben.

Mit dem Rentenalter steuert der Mediziner und jetzige MdL auf das freiwillige Ende seiner Landtagstätigkeit zu. Nach zehn Jahren für die Freien Wähler im bayerischen Parlament wird er im Herbst voraussichtlich seinen Platz räumen. Als Direktkandidat wolle er kein weiteres Mal antreten, hat er schon vor einiger Zeit angekündigt. Theoretisch bestünde noch eine Chance, über die Liste wieder einzuziehen. Doch Vetter stellt sich auf einen Abschied ein. „Zehn Jahre in der Opposition in Bayern, des langt mir.“

„Es war recht schön“

Schön sei es trotzdem gewesen. Auch weil er sich noch einmal persönlich weiter entwickeln konnte. „Die erste Rede vor 200 Leuten, da schlackern schon die Knie“, erinnert sich Vetter. Das Abgeordentendasein mit seiner Themenfülle sei für ihn darüber hinaus wie ein Studium generale gewesen. „Politik ist ein komplexes und kompliziertes Geschäft, in dem man nicht nur die eigene Meinung gelten lassen darf, sondern auch Kompromisse eingehen muss“, bilanziert der Abgeordnete.

2008 zog Vetter völlig überraschend, wie er selbst sagt, in den Landtag ein. Der Wahlabend gehört daher zu den Momenten seiner Abgeordentenzeit, die ihm besonders in Erinnerung geblieben sind. „Ich hätte nicht mit einem so guten Ergebnis gerechnet“, erzählt er im Rückblick. Anfangs vom „konservativen Mitbewerber“ noch belächelt, hätten sich die Freien Wähler mittlerweile Anerkennung in der Landespolitik erarbeitet. Ein wenig stolz auf das Erreichte zählt Vetter die Abschaffung der Studiengebühren, die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium und die jüngsten Bemühnungen um ein Ende der Straßenausbaubeiträge auf. Als gesundheitspolitischer Sprecher war Vetter außerdem beteiligt, als es um bessere Bedingungen für Hausärzte und Hebammen ging. „Wir haben einiges für sie erreicht“, blickt er zurück. Auch die Anliegen des ländlichen Raumes, ein Kernthema der Freien, seien in München inzwischen in aller Munde. „Es gefällt mir, dass ich bei dieser Zeitenwende mit dabei war“, sagt Vetter.

Ein wenig Wehmut schwingt mit. Vor allem, weil nach der kommenden Landtagswahl eine Regierungsbeteiligung der Freien Wähler nicht ausgeschlossen scheint. Da mit dabei zu sein, hätte Vetter gereizt. Wenn es tatsächlich so kommt, „würde ich mich schon ärgern“, gesteht er mit Blick auf seinen Rückzug. „Deshalb habe ich solange überlegt.“

Keine konkreten Pläne

Am Ende aber sei es eine ganz persönliche Entscheidung gewesen, sich aus der Landespolitik zu verabschieden. Einen nicht unerheblichen Anteil daran hat wohl auch seine eineinhalb Jahre alte Enkelin, die zurzeit noch mit ihren Eltern in den USA lebt. „Sie kommen zurück nach Deutschland. Und dann möchte ich mich kümmern können.“

Konkrete Pläne für das Leben nach der Politik hat der Chamer darüber hinaus noch nicht. Eine Rückkehr in die Arztpraxis kann er sich zwar vorstellen, „aber sicherlich nicht mehr 60 oder 70 Stunden“. Wenn, dann nur halbtags. Oder aber er eröffne eine Beratungspraxis. Denn noch immer würden ihn seine einstigen Patienten um Rat fragen, berichtet der Orthopäde. Als gesundheitspolitischer Sprecher der Freien Wähler im Landtag habe er viele Verbindungen in die Politik aufgebaut, die dabei nützlich sein könnten, überlegt Vetter laut.

Und dann ist da noch das Reisen, egal nach Mecklenburg oder in die Mongolei. Das sei in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen. Der Politik bleibt er treu. „Ich bin mit Leib und Seele Freier Wähler“, sagt Vetter. Im Stadtrat und Kreistag sowie im Zusammenschluss der Freien Wähler im Landkreis wird Vetter eingebunden bleiben. Seinen halbrunden Geburtstag feiert er im kleinen Kreis. Mit einem Fassl Bier und einer Brotzeit am Stammtisch.

Quelle: Chamer Zeitung